Der Preis eines Neins

Zwei Menschen dürfen denselben Arbeitsvertrag kündigen. Die eine Person hat Ersparnisse und kann mehrere Monate nach einer anderen Stelle suchen. Die andere weiss nicht, wie sie ohne den nächsten Lohn die Miete bezahlt. Das Kündigungsrecht ist für beide wichtig. Trotzdem eröffnet es ihnen nicht denselben Handlungsspielraum. Die Kosten, es zu nutzen, sind ungleich verteilt. §

Diese Beobachtung hebt den Unterschied zwischen Zwang und einer schwierigen Entscheidung nicht auf. Nicht jede ungünstige Lebenslage ist das Ergebnis eines Verbots. Sie zeigt aber, warum eine Theorie der Freiheit unvollständig bleibt, wenn sie nur fragt, was rechtlich erlaubt ist. Es zählt auch, welchen Preis Menschen für eine erlaubte Entscheidung tragen müssen. §

Der Deluismus zieht daraus einen politischen Schluss: Ein gesicherter Lebensunterhalt sollte es leichter machen, einer mächtigen Stelle zu widersprechen. Das wäre ein Freiheitsgewinn, auch wenn die betroffene Person am Ende entscheidet, an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben. Die Möglichkeit, zu gehen, verändert bereits die Bedingungen des Bleibens. §

Gleiche Mittel reichen nicht immer

Eine pauschal gleiche Geldsumme kann Menschen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen erreichen. Wer zusätzliche Unterstützung braucht, um das Haus zu verlassen, kann mit ihr womöglich weniger anfangen. Amartya Sen schlägt in „Equality of What?“ vor, die Aufmerksamkeit auf grundlegende Handlungsmöglichkeiten zu richten. Derselbe Güterbesitz eröffnet nicht jedem Menschen dieselben Möglichkeiten.[1] §

Quellenhinweis · Amartya SenEquality of What? ↗

Tanner Lecture, gehalten am 22. Mai 1979; Druckfassung 1980, besonders S. 218–219 (PDF S. 24–25).

Bezug für die Unterscheidung zwischen Gütern und Handlungsmöglichkeiten. Die Vorschläge zur öffentlichen Versorgung sind eigene Schlussfolgerungen.

Für den Deluismus ist das ein hilfreicher Prüfstein, aber noch keine fertige Verteilungsregel. Wenn eine öffentliche Einrichtung nur über Treppen erreichbar ist, kann eine bauliche Änderung sinnvoller sein als eine gleichmässig verteilte Zulage. Umgekehrt kann eine pauschale Leistung weniger entwürdigend sein als ein Verfahren, in dem jede einzelne Ausgabe gerechtfertigt werden muss. §

Welche Lösung angemessen ist, hängt damit auch von der Macht ab, die ihre Verwaltung erhält. Eine präzise Erfassung aller Bedürfnisse klingt gerecht. Sie könnte jedoch so viele intime Auskünfte verlangen, dass die Unterstützung selbst zur Belastung wird. Bedarfsgerechtigkeit und Privatheit müssen gemeinsam gedacht werden. Es gibt keinen Grund, diesen Konflikt hinter einer schönen Formel zu verstecken. §

Wenn die helfende Stelle zu viel entscheidet

Der stärkste Einwand gegen eine umfangreiche öffentliche Versorgung lautet deshalb nicht einfach, dass sie Geld kostet. Er lautet, dass sie neue Abhängigkeit schaffen kann. Wer auf eine Behörde angewiesen ist, kann deren Entscheidungen ebenso ausgeliefert sein wie zuvor denen eines Arbeitgebers. Ein öffentliches Schild über der Tür löst das Machtproblem nicht. §

Man stelle sich vor, eine Gemeinde stellt günstige Wohnungen bereit, erwartet von den Mietenden aber politische Loyalität. Die materielle Verbesserung wäre real. Der Eingriff in die persönliche Freiheit wäre es ebenfalls. Ein Anspruch auf Wohnraum müsste gerade dann gelten, wenn jemand die Gemeindeleitung offen kritisiert. Die Mehrheit darf eine soziale Leistung nicht als Belohnung für Zustimmung verwalten. §

Ein deluistischer Entwurf müsste dafür konkrete Grenzen vorsehen. Entscheidungen über Leistungen brauchen nachvollziehbare Gründe und eine unabhängige Beschwerdemöglichkeit. Wo es um persönliche Lebensführung geht, sollten Menschen zwischen zumutbaren Optionen wählen können. Solche Sicherungen kosten Zeit und Verwaltung. Sie gehören dennoch zur Leistung selbst, weil ohne sie der Zugang vom Wohlwollen einzelner Personen abhängt. §

Eine politische Abwägung bleibt

Auch eine gut begrenzte Versorgung braucht Mittel, die anderswo fehlen können. Wer sie finanzieren soll und welche Ansprüche Vorrang erhalten, lässt sich aus dem Wort Freiheit allein nicht ableiten. Der Deluismus muss seine Verteilungsvorschläge deshalb begründen, statt jede Ausgabe schon durch ihre gute Absicht zu rechtfertigen. §

Dabei wäre blosse Wahlfreiheit ein zu schmaler Massstab. Zehn unerreichbare Wohnungen sind keine brauchbare Alternative zu einer erreichbaren. Ein einziges verlässliches Angebot kann den Alltag verbessern und dennoch zusätzliche Wahlmöglichkeiten nötig machen. Die Bewertung muss unterscheiden, ob jemand überhaupt Zugang erhält und ob die Bedingungen dieses Zugangs selbstbestimmtes Leben zulassen. §

Am Arbeitsvertrag vom Anfang zeigt sich die Richtung. Ein Sicherheitsnetz sollte der Person ohne Ersparnisse ermöglichen, unzumutbare Bedingungen zurückzuweisen. Es sollte ihr nicht vorschreiben, welchen Lebensweg sie stattdessen zu wählen hat. Gleichheit wird hier daran gemessen, ob ein bisher kaum tragbares Nein möglich wird, ohne dass eine andere Stelle das letzte Wort über das eigene Leben erhält. §

Quellen und Einordnung

  1. Amartya Sen · The Tanner Lectures on Human ValuesEquality of What?

    Tanner Lecture, gehalten am 22. Mai 1979; Druckfassung 1980, besonders S. 218–219 (PDF S. 24–25).

    Bezug für die Unterscheidung zwischen Gütern und Handlungsmöglichkeiten. Die Vorschläge zur öffentlichen Versorgung sind eigene Schlussfolgerungen.

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Zu dieser Überarbeitung

Die Freiheitsfrage wird an Abhängigkeit und öffentlichen Leistungen entwickelt. Der Einwand staatlicher Bevormundung erhält einen eigenen Argumentationsschritt.

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