Die Versammlung beginnt um sieben

Eine Nachbarschaft will über die Nutzung eines leer stehenden Gebäudes entscheiden. Die Einladung geht an alle, die Sitzung beginnt um sieben Uhr abends. Eine Bewohnerin hat dann Spätschicht. Ein Vater findet keine Betreuung. Eine weitere Person könnte kommen, versteht aber die Unterlagen kaum. Das Beispiel ist erfunden; sein Problem lässt sich trotzdem genau benennen: Eine Einladung schafft noch keinen gleichen Zugang. §

Die Anwesenden sind deswegen nicht illegitim. Sie können aber leicht die eigenen Bedürfnisse mit denen der gesamten Nachbarschaft verwechseln. Wer nicht erscheint, hat damit noch nicht zugestimmt. Vielleicht fehlt das Interesse. Vielleicht fehlt schlicht die Möglichkeit, sich einzumischen. Eine politische Ordnung muss beides auseinanderhalten. §

Wenn der Deluismus Gemeinschaft zur Grundlage macht, sollte er hier beginnen. Es reicht nicht, Menschen mehr Verantwortungsgefühl nahezulegen. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sie Verantwortung übernehmen können und wer einspringt, wenn sie es nicht können. §

Was öffentliche Verantwortung übernehmen kann

Freundschaft lässt sich nicht beschliessen. Eine Gemeinde kann jedoch einen Raum zur Verfügung stellen, der ohne Eintritt zugänglich ist. Sie kann Sitzungen so vorbereiten, dass auch Menschen ohne Verwaltungserfahrung die Entscheidung verstehen. Im Beispiel könnte eine Betreuung während der Versammlung manchen die Teilnahme ermöglichen. Ein schriftlicher Beitrag würde anderen eine Stimme geben, die im grossen Raum nicht sprechen möchten. §

Solche Vorkehrungen sind keine Garantie für Zusammenhalt. Sie nehmen lediglich bestimmte Hindernisse weg. Genau darin liegt ihr politischer Wert: Hilfe wird weniger davon abhängig, ob jemand bereits gut vernetzt ist. Ein verlässlich zugänglicher Ort unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einer privaten Einladung, selbst wenn beide gleich freundlich gemeint sind. §

Die Kosten verschwinden dabei nicht. Der Raum muss unterhalten, die Betreuung bezahlt werden. Wer das als Gemeinschaftsaufgabe bezeichnet, muss sagen, welcher Haushalt dafür aufkommt. Sonst bleibt die Rechnung bei den Personen liegen, die ohnehin organisieren. Fürsorge zur öffentlichen Aufgabe zu machen bedeutet auch, ihre Arbeit sichtbar und verhandelbar zu machen. §

Nähe kann ausschliessen

Nun könnte die Nachbarschaft das Gebäude erhalten, regelmässig zusammenkommen und trotzdem einen geschlossenen Kreis bilden. Entscheidungen fallen beim Abendessen vor der eigentlichen Sitzung. Neue Personen dürfen reden, wissen aber nicht, welche Absprachen schon gelten. Aus einer offenen Tür wird dann noch kein offenes Verfahren. §

Jo Freeman beschrieb in ihrer Kritik an der Strukturlosigkeit, wie informelle Freundeskreise Macht ausüben können, ohne dafür ein ausdrückliches Mandat zu besitzen. Ihr Text entstand aus Erfahrungen der Frauenbewegung. Er richtet sich gegen die Annahme, der Verzicht auf formale Regeln beseitige bereits die Hierarchie.[1] §

Quellenhinweis · Jo FreemanThe Tyranny of Structurelessness ↗

Erstveröffentlichung 1972; Fassung auf der Website der Autorin, Abschnitt „Formal and Informal Structures“.

Bezug für die Kritik an informeller Macht. Das Nachbarschaftsbeispiel und die daraus entwickelten Vorschläge stammen aus diesem Essay.

Für die Nachbarschaft folgt daraus ein begrenzter Vorschlag: Die Vergabe des Raums müsste nach bekannten Regeln erfolgen; Ablehnungen müssten anfechtbar sein. Das würde niemanden verpflichten, alle anderen zu mögen. Es würde aber erschweren, dass persönliche Nähe über den Zugang zu einer öffentlichen Einrichtung entscheidet. Die Regeln müssten auch gegen diejenigen gelten, die den Ort aufgebaut haben. §

Zugehörigkeit ohne Anwesenheitspflicht

Gegen eine Politik der Gemeinschaft gibt es einen berechtigten Einwand: Sie kann das Privatleben mit Erwartungen überziehen. Wer jede Woche an einem gemeinsamen Abend teilnehmen soll, um als guter Nachbar zu gelten, wird nicht allein durch freundliche Worte freier. Manche Menschen suchen Nähe, andere brauchen mehr Abstand. Auch derselbe Mensch kann beides zu verschiedenen Zeiten wollen. §

Öffentliche Versorgung dürfte daher nicht davon abhängen, ob jemand gesellig ist oder sich politisch engagiert. Ein Anrecht auf Unterstützung ist etwas anderes als die Bitte um einen Gefallen. Gemeinsame Pflichten müssten begründet und begrenzt werden; sie dürften nicht aus einer unbestimmten Schuld gegenüber der Gemeinschaft wachsen. §

Daran lässt sich der Anspruch dieses Essays prüfen. Die Versammlung wäre besser organisiert, wenn die Bewohnerin mit Spätschicht Einfluss auf den Beschluss nehmen könnte. Und die Nachbarschaft wäre freier, wenn sie anschliessend nach Hause gehen dürfte, ohne ihre Zugehörigkeit rechtfertigen zu müssen. Eine tragfähige Gemeinschaft hält beides aus. §

Quellen und Einordnung

  1. Jo FreemanThe Tyranny of Structurelessness

    Erstveröffentlichung 1972; Fassung auf der Website der Autorin, Abschnitt „Formal and Informal Structures“.

    Bezug für die Kritik an informeller Macht. Das Nachbarschaftsbeispiel und die daraus entwickelten Vorschläge stammen aus diesem Essay.

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Zu dieser Überarbeitung

Der Text unterscheidet zwischen persönlicher Nähe und öffentlicher Verantwortung und untersucht unbezahlte Arbeit sowie das Recht auf Rückzug.

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